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1986er VW Polo im KW-Berg-Cup 2015

Man kann sich unter „RS“ natürlich viele Sachen vorstellen. Aber keiner würde es mit „rasanten Senioren“ in Verbindung bringen, oder? Und genau hier liegt der Hund begraben. Gibt es sie wirklich und wie viel Power werden sie haben, um den zahlreichen Jungspornen am Berg einheizen zu können? Lesen Sie selbst.

Was so ein Zufallstreffen doch alles bewirken kann: Noch bis zum Jahr 2009 gingen Jürgen Schneider und Thomas Stelberg ihre eigenen Wege. Jürgen wohnt in Lauffen am Neckar und ist Versicherungsfachmann. Seit 2005 betreibt er offiziell eine kleine exklusive Rennmotorenschmiede. Den ersten Kontakt zum Motorsport hatte der Baden-Württemberger bereits als Jugendlicher.

Damals besuchte er die Flugplatzrennen in seiner näheren Umgebung und stieg schlussendlich mit 18 Jahren selbst aktiv in den Motorsport ein. Neben anfänglichen Orientierungsfahrten ging es ab 1980 mit einem Golf GTI in den Slalomsport und ab 1986 im Bergsport weiter. Hier begann auch seine Leidenschaft, Rennmotoren in Eigenregie von Grund auf selber zu bauen. Bis 1996 betrieb der heute 60-Jährige die Rennerei, verkaufte dann seinen Rennwagen und widmete sich anderen Dingen im Leben.

Auch Thomas Stelberg war bereits in frühen Jahren mit dem Motorsport in Kontakt gekommen. Schon als Zwölfjähriger begleitete er seinen Vater zu den 1000-Kilometer-Rennen auf den Nürburgring. „Mich hat dort ein Gruppe-5-NSU unheimlich fasziniert. Dieser kleine Flitzer belegte am Ende sogar den 4. Gesamtrang“, weiß der im Oberbergischen ansässige Familienvater zu berichten. 1976 startete Thomas seine Motorsportkarriere mit einem Mini Cooper ebenfalls im Slalomsport im legendären Sportfahrer-Valvoline-Pokal, vergleichbar mit dem heutigen Clubslalom. In den 90ern stieg sogar seine Frau aktiv in den Slalomsport mit ein.

1998 wechselten die Eheleute Stelberg gemeinsam in den Bergrennsport und feierten dort einige nennenswerte Erfolge. Nach dem Ausstieg der Mutter aus dem Renngeschehen folgte der Mittlere der drei Söhne dem Ruf der Geschwindigkeit. Thomas kaufte ihm ein rennfähiges Sportgerät und betreute seinen immer besser werdenden Sohn noch eine Weile. Heute konzentriert er sich wieder auf seinen Bergrennsport.  

Den ersten Kontakt hatten die beiden Senioren im Jahr 2009 bei einem Bergrennen in der Rhön. „Thomas hatte mich dort angesprochen, ob ich nicht den Rennmotor im gerade frisch gekauften Glaser-Polo seines Sohnes weiter betreuen könnte, schließlich sei es ja ein Motor aus meiner Hand“, erinnert sich Jürgen. Abends bei Wurst und Bier sowie erinnerungsreichen Benzingesprächen freundeten sich die beiden Motorsportler im Vorzelt ihres Wohnmobils an. Und genau aus dieser Grilllaune heraus entstand die Idee, gemeinsam ein Senioren-Rennteam zu gründen. „Zuerst hielt ich die Idee für verrückt, doch je länger wir darüber philosophierten, desto besser fand ich die Vorstellung, wieder in einem Rennwagen zu sitzen“, so Jürgen.

Die Voraussetzungen waren gut und hätten besser kaum sein können, denn Thomas hatte zu Hause noch eine ältere Polo-Karosserie herumstehen und Jürgen konnte mit seinem Fachwissen über Rennmotoren das Aggregat  zu diesem Projekt beisteuern. Schnell waren die Rahmenbedingungen verhandelt. Man würde sich das Auto und die Rennveranstaltungen aufteilen. Das Wichtigste war aber, dass Thomas  den Wolfsburger Rennboliden zu allen Rennen hinbringen und ihn nach dem Rennen auch wieder zurücktransportieren würde. „Und mit diesem Argument hatte Thomas mich schließlich rumgekriegt“, lacht der gelernte Werkzeugmacher. Für die beiden Senioren war von Anfang an klar, dass sie in der kleinsten Hubraum-Klasse bis 1.150 Kubik an den Start gehen würden, um keine Berührungspunkte mit Thomas’ Sohn Andre  zu haben. Dieser fährt in der 1300er-Klasse (inzwischen 1600) sehr erfolgreich und einem Generationenkampf wollten alle Beteiligen aus dem Wege gehen.

Wenn Träume wahr werden

Der Ehrgeiz von Jürgen Schneider war nun geweckt. Endlich konnte der Baden-Württemberger ein Kraftpaket ganz nach seinen Vorstellungen bauen. „Mein Traum war es immer schon gewesen, einen Rennmotor mit einem Motorrad-Zylinderkopf der Honda 1000 CBR Fireblade zu bauen. Viele meiner Mitstreiter im Bergrennsport benutzen ebenfalls einen Motorrad-Zylinderkopf. Das ist nun nichts Neues, aber mein Teilefertiger und ich hatten eine ganz besondere Idee. Wir wollten den Kopf um 180 Grad drehen. Das heißt, dass zum Beispiel der Krümmer nicht vor dem Aggregat und Kühler entlang läuft, sondern nach hinten hin rausgeht. Das hat den Vorteil, dass zum einen die Ansaugtrichter direkt von vorne frische, klare Luft ansaugen können und der Krümmer nicht mehr die langen Wege unter dem Motorblock zurücklegen muss. Dieser kann nun direkt hinter dem Motor nach unten geführt werden“, erklärt Jürgen sein Konzept. Die Entwicklungs- und Bauphase zog sich über ein Jahr hin. Viele Teile waren maßgeschneiderte Sonderanfertigungen, wie zum Beispiel die in England von Farndon hergestellte Kurbelwelle. Sie alleine hat schon über ein Dreivierteljahr Lieferzeit gehabt.
Auch die Pleuellagerdurchmesser wurden vom Motorenspezialisten gegenüber dem Serienmotor weiter optimiert. Anstelle des Kettenantriebs für die Nockenwelle hat Jürgen diese über einen Zahnriemen mit der Kurbelwelle verbunden. Nun laufen nur noch die Ein- und Auslassnockenwellen über eine Kette. Dieses System wurde bei den ersten VW Golf 2 16V angewendet.

Abgucken beim Sohnemann

Bei der Polo-Karosserie handelt es sich um ein ehemaliges Volkswagen Motorsport VW Polo G40 Cup-Fahrzeug aus dem Markenpokal. Es besitzt noch heute die originale zertifizierte Sicherheitszelle. Dieser Flitzer wurde nach dem Cup bei verschiedenen Bergrennen eingesetzt und ging durch diverse Hände, bis er Ende der 2000er-Jahre in den Besitz von Thomas Stelberg überging. Für das zweite Leben im Seniorenteam wurde noch einmal etwas Hand an den Kleinwagen angelegt. So überholte man zum Beispiel das gesamte Koni-Fahrwerk noch einmal. Im Gegensatz zu den 8-Ventilern in der Klasse bis 1.150 Kubik darf bei den 16-Ventilern ein sequenzielles Getriebe in den Rennboliden verwendet werden. Jürgen und Thomas entschieden sich für ein 6-Gang-Getriebe der Firma Bernert. Den Zusammenbau von Motor, Getriebe sowie sämtlichen Teilen des Innenraumes, wie zum Beispiel der Schalensitz, übernahm die Firma Racing Service Brandt aus Bürstadt. Bei den aerodynamischen Raffinessen griff man auf Altbewährtes zurück. „Hier stand der Polo des Sohnes von Thomas Pate. Dieser besaß bereits die mächtige Frontschürze sowie den Dachkantenspoiler und die Kotflügelverbreiterungen. All dieses bauten wir nach“, erinnert sich der Senior-Rennfahrer. Nach kurzen Abstimmungsarbeiten auf dem Rollenprüfstand Anfang 2011 fand der erste Roll-Out direkt auf der Rennstrecke im luxemburgischen Eschdorf statt.

Die ersten Rennkilometer gehörten Thomas Stelberg. Nur ein paar Wochen später in der Eifel beim Wolfsfelder Bergrennen griff dann auch Jürgen in das Momo-Sportlenkrad des kleinen Stadtflitzers. „Nach 15 Jahren Motorsport-Abstinenz saß ich das erste Mal wieder in einem Rennwagen. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit konnte ich mit der Spitze in meiner Klasse schon ganz gut mithalten“, erzählt der Versicherungsfachmann, der in seinem Debütjahr bereits ein paar Rennen in der Klasse bis 1.150 Kubik gewinnen konnte. Die Erfolgssträhne riss nicht ab. In den darauf folgenden Jahren fand man das dynamische Seniorenteam ständig unter den Top 3 ihrer Klasse sowie auf den vorderen Plätzen in den Gesamtwertungen des KW-Berg-Cups. Auch ein Unfall in Osnabrück, wo Jürgen nach dem 2. Wertungslauf in Führung liegend ausschied, trübte die 2013er Erfolgsbilanz nicht.

Seuchenjahr, Schreckmoment und klarer Sieg

„Der einzige schwarze Fleck auf unserer weißen Weste war das Jahr 2014. Das war das Seuchenjahr schlechthin für uns. Zahlreiche Ausfälle und technische Defekte trübten unsere Bilanz“, berichtet das Rennfahrer-Duo. In diesem Jahr erlitten die beiden auch einen kapitalen Motorschaden. Bis heute konnten sie den Fehler nicht eindeutig analysieren. Doch in 2015 knüpften die beiden 60-Jährigen wieder an ihre alte Form an. Insgesamt sieben Klassensiege fuhren Jürgen und Thomas ein, wobei Letzterer mit vier Siegen die Nase leicht vorne hatte. Das Erfolgsrezept der beiden Piloten liegt in der Wahl der Veranstaltungen. Jeder hat seine Lieblingsstrecke, auf der er punkten kann. So fuhr Jürgen zum Beispiel in Wolsfeld, Homburg, Osnabrück, Hauenstein, Eichenbühl und in der Schweiz. Thomas bestritt die restlichen sechs Rennen im KW-Berg-Cup inklusive Saisonabschluss-Rennen in Österreich. Hier gab es einen Schreckmoment für alle Beteiligten:

Thomas lag nach dem 2. Wertungslauf in seiner Klasse klar in Führung. Nun galt es mit dem 3. und letzten Lauf den Sieg einzufahren. „Wir waren sehr nervös, als wir erfuhren, dass er im Vergleich zu den vorherigen Zeiten über vier Sekunden langsamer war. Thomas nimmt aus Prinzip kein Mobiltelefon im Rennen mit, und so wussten wir eine lange Zeit nicht, was passiert war und ob die letzte gefahrene Zeit für den Klassensieg ausreichen würde“, erinnert sich sein Teampartner. Später im Fahrerlager löste Thomas die Situation auf. Der Bowdenzug vom Getriebe war aus der Halterung gesprungen und somit stand ihm ab diesem Zeitpunkt nur noch ein Gang zur Verfügung, mit dem er das restliche Rennen auch beenden musste. Letztendlich reichte die Zeit aber und die beiden Senioren gewannen in Österreich ihre Klasse bis 1.150 Kubik.

Am Ende der Saison freuten sich Thomas und Jürgen nicht nur über den Klassengewinn der 1.150-Kubik-Gruppe, sondern auch über den fünften Gesamtrang im KW-Berg-Cup 215. Damit haben die alten Hasen den zahlreichen Jungspornen mal wieder gezeigt, dass Siegen keine Altersgrenzen kennt. Auch 2016 ruft wieder der Berg. Gut vorbereitet startet das Seniorenteam in die neue Saison. Jürgen hat über die Wintermonate einen Ersatzmotor gebaut. Neben Feinarbeiten im Bereich des Zylinderkopfes hat der Baden-Württemberger dieses Mal auch die Ventilsitze schmaler gefräst. „Wir müssten auch noch einmal mit unserem Polo auf den Prüfstand gehen, um die Saugrohrlängen oder auch andere Fächerkrümmer-Kombinationen auszuprobieren. Da werden wir mit Sicherheit noch einiges an Leistung finden“, meint Jürgen. Fest steht nur, dass das Volkswagen-Duo auch in diesem Jahr wieder nach der Krone in der 1.150-Kubik-Klasse greifen möchte. Wir drücken die Daumen.  

Von: Text und Fotos: Medienredaktion Nordwest

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